Andacht für Juli / August 2019

 

(Kl)eine Friedensübung für den Sommer

 

Eigentlich wollte ich in diesem Jahr mit leichtem Gepäck reisen.
Doch nun frag ich mich: Wie wäre es, wenn ich doch noch etwas Gewichtiges mitnähme?
Zum Beispiel ein bisschen Frieden?!
Passt das zu meinem Gepäck? Habe ich dafür überhaupt Platz?
Und übertreibe ich es damit nicht ein wenig?
Es ist doch Sommer. Ferienzeit und Leichtigkeit.

Die Seele baumeln lassen. Nichts tun.
Ganz recht: Leicht ist der Friede bei weitem nicht. Ihn einzuüben und mitzunehmen, auch oder besonders auf die Reise durch den Sommer, scheint auf den ersten Blick nicht leicht.
Doch möglicherweise lohnt es sich in der Fremde, an neuen Orten, mit neuen Menschen – nah oder fern – umso mehr, dem Frieden Raum zu geben.
In diesem Fall liegt es auf der Hand, in der Mitte des Jahres die Jahreslosung wieder einmal aufleuchten zu lassen.

Schließlich gibt sie uns den Auftrag, eine Haltung einzuüben.
Das ganze Jahr über. Ohne Pause. Auch in der Auszeit vom Alltag.

Und hier ist sie:

Suche Frieden und setze dich dafür ein! (Ps 34, 15b, BasisBibel)
Auf meinem letzten Streifzug durch Berlin habe ich obiges Foto geschossen: Herzen über Herzen. Liebe ohne Ende.
Sie liebt ihn. Er liebt sie. Ich liebe mich. From Berlin with love.
Ein bisschen mehr Liebe. Ich liebe dich, du liebst mich.
Und dann erblicke ich noch drei andere Herzen: „JaHWeH liebt dich.“
Und ein wenig weiter links: „Allah liebt dich.“
Und schließlich: „Buddha liebt dich.“
Bei so vielen Liebesbekundungen kommt mir sofort in den Sinn:
Wie wäre es eigentlich, wenn ich sie gewähren lassen?
Ich meine sie, die Menschen, die sagen: „Ja, ich glaube, dass JHWH mich liebt.“
Und genauso die, die sagen: „Ja, ich glaube, dass Allah mich liebt.“
Und schließlich auch die, die sagen: „Ja, ich glaube, dass Buddha mich liebt.“
„Unmöglich!“, denke ich für einen kurzen Augenblick.
Doch dann fällt mir ein, was Julius Köbner, einer der drei Gründerväter des deutschen Baptismus bereits 1848 in seinem „Manifest des freien Urchristenthums“ 1848 geschrieben hatte:
„Aber wir behaupten nicht nur unsre religiöse Freiheit, … wir fordern sie in völlig gleichem Maße für Alle, seien sie Christen, Juden, Muhamedaner oder was sonst.“
Im gleichen Atemzug höre ich schließlich Jesus sagen:
„Liebe den Fremden.“ Und: „Liebe deine Feinde.“

Freiheit für alle. In Glauben und Gewissen.
Das war es, wofür die Gründerväter sich einsetzten.
Denn sie wussten was es heißt, wegen ihres Glaubens verfolgt, bestraft und verlacht zu werden.
Der Nächste, der so anders und fremd ist, den ich nicht verstehe und der mich nicht versteht, diesem seine Freiheit zu geben und ihm zuzugestehen so wie ich sie auch für mich beanspruche, ist der Weg zu einem friedlichen Miteinander auf der Welt.
Denn: der EINE liebt sie alle, auch wenn sie sich von einem anderen lieben lassen und einen anderen lieben.
Tu es IHM gleich. Liebe den Fremden. Ja, sogar den Feind.
Den, der so anders ist und sogar den, der dir nichts Gutes will.
Verfolge ihn nicht mit Wort oder Tat, sondern suche zu ihm und für ihn Wege des Friedens, damit er und du gut leben können.
Nicht der Friede ist das Schwere, das wir in unserem Sommerreisegepäck verstauen.
Es ist die Anstrengung, die wir unternehmen, der Mut, den es kostet, über einen Zaun aus Stacheldraht zu klettern oder eine Mauer zu sprengen.
Doch auf diese Weise gehen wir dem Frieden entgegen und schaffen Friedenswege, auf denen der Frieden zu den Menschen gelangen kann.
Wir brauchen keinen Extraplatz in unserem Koffer oder Rucksack. Kein teures Übergepäck bezahlen.
Gott legt seinen Frieden direkt in unser Herz. Dort ist er sicher. Dort ist er leicht.

Und von dort aus wird er sich in alle Ecken und Winkel des Lebens ausbreiten, in die entlegensten Orte unserer Seelen und dieser Welt fließen.
Ich will an den fremden Orten und bei den Menschen, zu denen ich komme mein Herz öffnen und den Frieden Gottes versprühen, ihn verschenken in Wort und Tat und ihn entdecken, wo ich ihn zuvor nicht erahnet hätte.
Machst du dich auf und nimmst den Frieden mit auf deine Wege durch den Sommer?
Wo auch immer ihr sein werdet, was auch immer ihr sehen und erleben werdet:
Gottes Friede sei mit euch!

 

Es grüßt euch herzlich eure Pastorin Julia-Kathrin Raddek