Andacht für Juni 2020

 

Dann kam Petrus zu ihm und fragt:

 „Herr, wie oft soll ich jemandem vergeben,

 der mir Unrecht tut? Sieben Mal?“

„Nein!“ antwortete Jesus, „siebzig mal sieben Mal!“

Mt. 18, 21+22 (und bitte weiterlesen bis Vers 35)

 

 Vergebung! Ein Thema, das mich in den letzten Jahren immer wieder beschäftigt. Auf das mich Gott immer wieder stößt und mich nicht wirklich los lässt.

Ein wichtiges Thema wenn ich über Glauben, Errettung und Nachfolge nachdenke. Also über mein ureigenes Leben als Kind Gottes. Aber damit auch über unser aller gemeinsames Leben im Miteinander als Brüder und Schwestern in der Gemeinde Jesu. In einem Text zu den oben genannten Versen wird zusammengefasst:

Wir können nur aus Gnade gerettet werden, aber wir setzen diese auf Spiel, wenn wir uns weigern, sie mit anderen zu teilen.

A. Schlatter schreibt dazu: „Wer nicht an Gottes Barmherzigkeit barmherzig wird und durch Gottes Vergebung vergeben lernt, hat sie verscherzt.“

… Verlangt Gott nicht zu viel von uns, wenn wir siebzigmal siebenmal, also ohne Grenze, vergeben sollen? Bedenken wir:

- Wer zählt, hat vorherige Schuld noch immer im Blick, kann sie auflisten, gibt ihr in Gedanken und Gefühlen Raum. Gott aber sagt: „ Ihrer Sünden will ich nicht mehr gedenken.“ (Hebr. 8,12b)

- …

Dieser Satz hat mich getroffen. Im Prinzip sagt er doch:

„Wenn ich mich noch an etwas erinnere, dann habe ich nicht vergeben.“ Wow, was für eine Aussage!

Ist es denn nicht menschlich, dass wir Erinnerungen haben? Dass wir in ähnlichen Situationen wieder daran denken was wir ´eigentlich´ vergeben hatten?

Was für ein Anspruch! In dieser Bibelstelle wird Gottes Anspruch deutlich.

Und dann stellt sich mir die Frage: KANN ich denn eigentlich vergeben? Kann ICH das machen?

Kann das überhaupt jemand selbst umsetzen? Leben wie es Gott entspricht?
Und dann die Befreiung. In einer anderen Textstelle (Joh. 15,5) gebraucht Jesus das Bild eines Weinstocks und sagt:

„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
In dem zitierten Text heißt es weiter:
Ich kann Jesus bitten, mir zu zeigen, wie sehr ich seine Vergebung nötig habe.

Ich kann mit ihm über die Schuld des anderen (oder meiner eigenen) sprechen und bitten, dass er mir hilft, sie loslassen und vergeben zu wollen.

Ich kann ihn bitten, meine Verletzungen zu heilen und mich zu bewahren, andere zu verletzen.

Es geht nicht darum, dass ich die Willenskraft zur Vergebung aus mir selbst produziere.

Es geht um die lebendig fließende Kraft zwischen Weinstock und Rebe, die aus der lebendigen Lebensgemeinschaft zwischen Jesus und mir erwächst. Jesus überfordert nicht.

Er weiß auch, welche Schritte zur Vergebung noch Zeit benötigen. Der Heilige Geist ist es, der die Frucht der Liebe, Geduld und Güte schenkt, die wir nicht in uns selber haben.
Das bedeutet zusammengefasst: Gott vergibt mir und will,

dass ich vergebe. Und ich darf wissen, dass er selbst die entscheidende Kraft dazu gibt.
Um es mit Hilfe eines Sprichwortes nochmal zu beschreiben: Aus einem „Wie du mir, so ich dir“ soll mit seiner Hilfe ein „Wie Gott mir, so ich dir!“ werden.

Wie oft merke ich, dass dieses Thema ein ganz gegenwärtiges Thema für mich ist.

Und wie oft mache ich die Erfahrung, dass ich beim Vergeben nicht alles „in die tiefsten Tiefen des Meeres“ geworfen habe sondern sie vielleicht nur in einem Schlauchboot ausgesetzt habe, das immer wieder an meinem Strand angetrieben wird oder in Sichtweite vorübertreibt.

Es erinnert mich immer wieder an das was war, die Ungerechtigkeiten, der Streit, die Lüge…

Dieses Erinnern zehrt an meiner Kraft, macht ungute Gefühle, macht missmutig oder verbittert. Doch Gott versenkte unsere Schuld tatsächlich auf immer und ewig. Es ist als ob sie nie dagewesen wären.
Und er will uns begleiten auf dem Weg ihm immer ähnlicher

zu werden.

Lassen wir uns auf diesen Weg ein?!

 

Sei lieb gegrüßt Sonja Regin


Zitiert aus: „Zeit mit Gott – mit Gewinn die Bibel lesen“, Heft 2 2020, Diakonissenmutterhaus Aidlingen