Andacht für Mai 2021

 

Gott heilt die gebrochenen Herzen
und verbindet offene Wunden
Psalm 147,3 (BasisBibel)

 

Die Schönheit des Nichtperfekten – Brüche vergolden

 

Wenn deine Lieblingstasse plötzlich eine Macke hat oder die morgendliche Müslischüssel auf den Boden fällt, ärgern sich die meisten von uns. Die Scherben wieder zusammenfügen – viel zu viel Arbeit und am Ende bleibt es ja eine unperfekte Schale.
Die Macke abschmirgeln und mit goldenem Lack überziehen – was für eine kuriose Idee. In Japan hingegen wurden aber mit dieser einzigartigen Reparaturtechnik seit dem 15. Jh. zerbrochene Gegenstände genauso wieder zusammengefügt. Das Besondere daran – es geht nicht darum, die Brücher unsichtbar zu machen. Im Gegenteil. Die Bruchstellen werden mit Gold nachgezeichnet und dadurch auf wundervolle Weise hervorgehoben. So wird eine Teeschale, eine Tasse nicht einfach nur geflickt, nein, ihre Risse werden vergoldet!

Die Botschaft, die hinter dieser Handwerkskunst steht, ist Heilung und Widerstandkraft sichtbar zu machen.

Die Vergangenheit eines Objektes wird wertgeschätzt und am Ende ist das Zerbrochene noch robuster, wertvoller und schöner als vorher.
Diese Kunst nennt sich ‚Kintsugi‘ und setzt sich aus den Worten ‚kin‘ (Gold) und ‚tsugi‘ (Verbindung) zusammen, meint also wörtlich ‚Goldverbindung‘.

Der Herstellungsprozess war sehr aufwendig. Es erfordert viel Geduld, Zeit und große Sorgfalt. Manche Reparatur dauert Wochen oder Monate, damit das Kintsugi-Stück wirklich gelingt. Die Scherben werden geordnet, gesäubert, mit einer ersten Lackschicht überzogen. Dann wartet man bis alles getrocknet

ist und schmiergelt die Kanten und Brüche noch einmal glatt.

Die Risse werden mit mehreren Lackschichten gefüllt über die Goldstaub gestreut wird. Das Metall vermischt sich mit dem noch feuchten Lack und es entstehen die typischen, markanten Kintsugi-Adern – goldfarben glänzend.

Zum Schluss, nochmal abschmirgeln, vorsichtig und dann erstrahlt das Objekt neu.
Was wäre, wenn wir mit unseren Wunden und Brüchen im Leben ganz genauso umgingen? Wenn wir unsere Vergangenheit nicht überspielen und vertuschen, sondern vielmehr unsere Narben und die damit verbundenen Erfahrungen von Wut, Trauer, Schmerz und ja auch Heilung vergolden würden?

Keine unsichtbaren Narben mehr, sondern goldene Narben, die auch Beweis und Zeugnis dafür sind, dass wir Krisen mit Gottes starker Hilfe überwunden haben. Uns zurück gekämpft haben ins Leben – gezeichnet und geprägt, aber immer noch da. Zerbrochen, aber wieder zusammengefügt, und zwar für alle sichtbar – vielleicht sogar wertvoller und robuster als zuvor, glänzen dann unsere goldenen Narben!
In den Psalmen heißt es von Gott: Gott heilt die gebrochenen Herzen und verbindet offene Wunden (Psalm 147, 3). Gott ist nahe bei den Menschen, die im Herzen verzweifelt sind und hilft denen, die ihren Lebensmut verloren haben (Psalm 34,19).
Vor Gott sind wir alle gleich, von Gott ins Leben gerufen, wundervoll gemacht. Im Prozess des Lebens aber erleiden wir offene Risse, manchmal zerbrechen wir sogar. Mitten in der Krise spürt man Gott nicht immer, Worte können da oft nicht trösten. Aber wenn ich mich in einem heiligen, heilsamen Prozess mit IHM einlasse und nicht daran arbeite, das Erlebte zu vertuschen, sondern vielmehr voller Geduld und Sorgfalt meine Narben vergolden lasse, dann spüre ich irgendwann auch wieder, was es heißt, dass Gott mich berührt und mein zerbrochenes Herz heilt. Dann spüre ich, wie ich wieder perfekt zusammengefügt werde und nicht hässlicher und weniger wertvoll aus diesem Erleben hervorgehe, sondern weiterhin wunderbar gemacht und tief von Gott geliebt bin.
Ich weiß, es ist gar nicht so leicht, seine Narben vergolden zu lassen und seinen (vielleicht sehr langsamen) Heilungsprozess sichtbar für alle zu tragen. Dazu gehört, viel Geduld, Mut und starkes Vertrauen.

 

All das wünsche ich euch und Segen dazu.

 

Andreas Regin