Andacht für Mai 2022

 

Ein Mund, zwei Ohren

Was wär das Leben ohne Stereo! Es ist nicht zu übersehen, das Verhältnis eins zu zwei. Wir haben mehr Organe zum Hören als zum Reden.                Ein Fingerzeig Gottes. Wieso fällt uns das Zuhören denn so schwer?

Jede Beziehung lebt vom Zuhören, welches das Nach-Denken, das Nach-Empfinden des Gehörten einschließt. Erst das Zuhören macht den Dialog möglich – wer nur redet, wird früher oder später allein sein.

Vor 500 Jahren setzte eine christliche Bewegung ein, die ganz stark aufs Hören pochte: Die Reformation. Hören nicht auf Menschen, nicht auf die Mächtigen und Gelehrten, nicht mal auf die etablierte Kirche – Hören auf Gott selbst.

Gott redet zu uns Menschen; davon waren die Reformatoren überzeugt. Nicht irgendwie, sondern auf bestimmte Weise: Wo immer aufgrund der Bibel weitergesagt wird, was Christus für die Menschen getan hat, wie   gut es Gott mit uns meint, da ist seine Stimme selbst zu hören.

Darum zielte die Reformation darauf ab, die Menschen zum Hören von Predigten anzuhalten. So sollten sie (um)geformt werden. Predigten, Auslegungen der Bibel, gab es nicht nur am Sonntag, sondern fast an jedem Tag der Woche.

Wir können nicht überleben, ohne zu atmen, zu trinken und zu essen. Aber wir leben vom Hören auf die Worte, die Gott sagt. Worte, die unserem Leben Sinn und Richtung geben, uns aufrichten, wenn wir niedergeschlagen sind. Worte der Wertschätzung. Worte, die über das Ende unserer Tage hinaus Leben zusagen – Worte, die nur Gott sagen kann. Mose brachte die Erfahrungen des Volks der Israeliten in der Wüste auf den Punkt: «Euer Gott ließ euch hungern, damit ihr lernt, dass ihr ohne ihn nicht leben könnt. Und er gab euch das Manna (Nahrung vom Himmel) zu essen, denn er wollte euch zeigen: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern er lebt zuerst und zuletzt von dem Wort, jedem einzelnen Wort, das aus dem Mund des Herrn kommt.» (5. Mose 8,3)

Ich saß vor einigen Jahren an einem Krankenbett und hörte einen lieben Menschen zu wie er sagte, er finde es bizarr, wenn Menschen Botschaften von Gott hören. «Es ist eine Sache, zu Jesus zu sprechen. Doch es ist etwas anderes, wenn Jesus zu einem spricht.» Und er sagte noch abschließend, dass Botschaften von Gott zu hören eine Form «geistiger Krankheit» sei.

 

Zurück in meinem Dienstzimmer, rief ich ihn kurze Zeit später in seinem Zimmer an und fragte: « Hallo, Gott ruft dich an. Kannst du mich hören?» Wir beide begannen zu lachen. «Nach dem Lachen und einem kurzen Austausch folgte ein respektvolles Gespräch».

«Ich erklärte, warum und wie ich 'Gott höre' zum Beispiel im Gebet, beim Lesen der Bibel, in der “Stillen“ Zeit, durch Freunde, durch die Kraft des Heiligen Geistes oder in den Sehnsüchten, Nöten und Fragen meines Herzens.» Gleichzeitig hörte ich mir aber auch die Fragen des lieben Menschen an. «Ich wollte auch seine Zweifel hören.»

 

Ja, Gott redet! Auch heute!

Lass ihn reden, durch sein Wort, das wir als Bibel haben.

“Rufe mich an, dann will ich dir antworten und will dir Großes und Unfassbares mitteilen, das du nicht kennst.“ (Jeremia 33:3)

 

Höre hin – mit beiden Ohren u n d mit dem Herzen.

 

Euer Andreas Regin