An(ge)dacht Juli/August 2026

Ich liebe das Meer: das gleichmäßige Rauschen der Wellen, die Weite des Himmels und den fernen Horizont, bei dem ich gar nicht weiß, wo das Wasser aufhört, und der Himmel beginnt.

Aber auch hier, in und um Neubrandenburg, finde ich Orte, an denen ich einen weiten Blick
genießen kann; z.B. auf meiner Lieblingsbank an der Behmshöhe. Ja, die Weite, die hat es mir angetan.
Darum mag ich auch den folgenden Bibelvers aus Psalm 31,9 so sehr. Da steht:


„Herr, du stellst meine Füße auf weiten Raum.“


Mit diesem Bild kann ich unmittelbar etwas anfangen. Gerade, wenn mich der Alltag bedrücken will, brauche ich es, dass mich jemand aus der Enge meines Fühlens und Denkens herausholt und mich in die Weite führt.
Spannend, dass hier nicht steht: „Geh, und such dir einen weiten Raum.“ Oder: „Bemühe dich drum, nicht so eng zu sein.“ Nein, der Vers lautet bewusst: „DU stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ich kann das oft nicht selber machen, die Weite nicht selbst schaffen. Ich brauche dann jemanden, der mich an der Hand nimmt und in die Weite führt. Jemanden, der meine Füße an den Ort der Freiheit stellt, den ich gerade nicht selbst finden kann.

 

Aber wie macht Gott das denn, „in die Weite führen“?
Ich denke, das sieht bei jedem anders aus. Manchmal geschieht es vielleicht sogar wortwörtlich: Ich gehe in sorgenvollen Gedanken versunken spazieren, und plötzlich hebt sich mein Blick, verliert sich in
der Weite; gleichzeitig erkenne ich: „Wow, der mächtige Schöpfer, der Himmel und Erde gemacht hat, ist da. Er wird sich auch meines kleinen Problems annehmen können.“
Manchmal geschieht das In-die-Weite-Führen ähnlich wie bei König David, dem Verfasser dieses Gebets, der immer wieder von seinen Feinden verfolgt wird und sich einmal sogar in einer engen, dunklen
Höhle verstecken muss. Es ist eine spannende Geschichte, wie Davids Verfolger ausgerechnet in diese Höhle kommt, und wie Gott David aus dieser lebensgefährlichen Lage befreit – nachzulesen im 1. Buch Samuel, Kapitel 24.
Kein Wunder, dass David Gott in diesem Psalm 31 lobt und schreibt:

 

„Du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott. […] Du übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Ps. 31,6b+9).


Von der Enge und Todesnot in der Höhle hinaus auf den weiten Raum der Errettung und Freiheit – das lässt tief aufatmen, nicht nur König David, sondern alle, die Gottes Hilfe auf ähnliche Weise erleben.

Allerdings ist der Psalm, wenn ich ihn in seiner vollen Länge lese, kein Sonnscheinpsalm, der so tut, als sei im Leben mit Gott alles wunderbar. Das Gebet Davids spricht genauso von Angst und Erschöpfung, und zwar gleich im nächsten Satz (Vers 10):


„Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst, […] matt meine Seele und mein Leib. Mein Leben ist hingeschwunden in Kummer.“


Es ist gut, dass David hier ehrlich ist. Weite und Enge, Gotteslob und Kummer, Dankbarkeit und Erschöpfung, liegen manchmal nahe beieinander. Das Leben ist selten schwarz-weiß, sondern ich kenne
beides: das Schöne und das Schwere, das glitzernde Meer mit weitem Horizont ebenso wie den sturmgepeitschten Ozean, der mich zu ertränken droht. David kennt Gott als Gegenüber, der als „Schöpfer so groß ist, dass ihm das Kleinste nicht zu klein ist“, wie Luther sagt. David erlebt Gott als den, dem ich alles sagen darf, und von dem ich mich getröstet und getragen weiß.


Andreas Regin